Was ändert sich durch die Schulreform?
Es geht hier um die Frage, welche Auswirkungen die Einführung der Primarschule auf die Gymnasien haben wird. Bei genauer Betrachtung zeigt sich, dass diese Auswirkungen ausgesprochen positiv sein werden.
Die derzeitige Situation:
Derzeit sehen sich die Gymnasien zwei Forderungen ausgesetzt, die offenkundig widersprüchlich sind. Einerseits verlangt man von Ihnen eine Steigerung der Abiturientenzahlen, weil unsere Wissens- und Informationsgesellschaft weit mehr gut ausgebildete Menschen benötigt, als ihre Vorläufergesellschaften. Andererseits soll (eigentlich) das Ausbildungs-Niveau nicht unter der Vermehrung leiden. In vielen Diskussionen - hier fielen mir vor allem die Zeit- und Welt-Online Foren auf - findet man Oberstudienräte, die einen Verfall des Abiturs durch die Vermassung vorhersagen und bitter beklagen.
Diese beiden Forderungen sind im gegenwärtigen System tatsächlich auch nicht zu erfüllen. Das liegt daran, dass es sich dem Prinzip der Auslese verschrieben hat, nicht dem der Förderung: die Suche der LehrerInnen gilt weniger den Stärken der Kinder, als deren Defekten ( http://tinyurl.com/2bgeqq5 ).
Zusätzliche Treibkraft bekommt die Situation für die Gymnasien durch den enormen Zulauf, den sie haben. Diesen stellte uns Herr Dr. Scheuerl im Abendblatt-Streitgespräch mit Klaus Bullan von der GEW am 18.5.2008 vor Augen, als er sagte:
"Scheuerl: Nein. In einer modernen Gesellschaft haben wir etwa 30 bis 35 Prozent von Schülern, die sich für den wissenschaftlich geprägten Weg zum Abitur, also das Gymnasium, eignen. Dass in Hamburg Schüler das Gymnasium nach Klasse sechs wieder verlassen müssen, liegt daran, dass nach der vierten Klasse zu viele dort angemeldet werden. Dem mag die berechtigte Sorge vieler Eltern zugrunde liegen, ihr Kind werde später ohne Abitur auf dem Arbeitsmarkt keine Chance haben." [Hervorhebung von mir]
(http://www.welt.de/hamburg/article2007864/Wie_sollen_unsere_Kinder_lernen.html)
In diesen wenigen Sätzen ist alles drin:
a) das Gymnasium hat den Ruf, die einzige Schulform zu sein,
die ihren Schülern noch eine Chance auf dem Arbeitsmarkt bietet
b) Eltern, die an der Zukunft ihrer Kinder interessiert sind, müssen also nach bestem Vermögen zusehen, dass ihre Kinder auf das Gymnasium kommen
c) dementsprechend werden Jahr für Jahr die Hälfte aller 11-Jährigen an den Gymnasien angemeldet
d) angesichts ihres Bildungsauftrages können die Gymnasien aber lediglich ein Drittel der Schüler sinnvoll betreuen
e) im Ergebnis muss das Delta zwischen den 50% angemeldeten und den 35% geeigneten Schülern "das Gymnasium nach Klasse sechs wieder verlassen"
Hervorzuheben ist, dass diese Zahlen - 50% vs. 35% - keineswegs Herrn Dr. Scheuerls Fantasie entspringen, sondern durch die Abgängerzahlen (Susi-Datenbank) und die Schulleistungstest (LAU, KESS) nachhaltig untermauert werden.
Diese Situation hat für die Gymnasien die unerfreuliche Wirkung, dass die LehrerInnen sich nicht uneingeschränkt auf die Förderung der ihnen anvertrauten Schüler konzentrieren können. Sie müssen ständig ein Auge darauf haben, welche dieser Kinder zu dem Delta zu zählen sind, also "nicht hierher gehören". Volens nolens werden sie also gleichsam zu einer Art Richter über den Verbleib oder Nicht-Verbleib der Kinder am Gymnasium(*).
Die Wurzel des Übels ist ganz klar die verfrühte Trennung der Kinder im Alter von 10 Jahren. Darüber herrscht Einigkeit bei allen ernstzunehmenden Bildungsexperten: selbstverständlich kann niemand einem 10-jährigen ansehen, ob er/sie das Zeug zum Abitur und Studium hat (**).
Da nun aber unser unseliges bisheriges Schulsystem auf einer Trennung beharrt, bleibt den Eltern nichts übrig, als ihre Kinder zu Versuchskaninchen zu machen: auch wenn keineswegs sicher ist, dass sie den Anforderungen des Gymnasium gewachsen sind, werden sie zunächst dort eingeschult, um es zwei Jahre (oder länger) zu "probieren" (so drückte sich der WWL-Freund Martin Friedland einmal auf L-Tern aus).
Den LehrerInnen am Gymnasium bleibt die unangenehme Aufgabe, die Versuchs-Kandidaten zu bewerten und ggf. abzuschulen.
Jetzt aber zur Primarschule:
In Zukunft wird sich er Übergang von der Grund- auf die weiterführende Schule über drei Jahre erstrecken (die Klassen 4-6). In dieser Zeit haben die Kinder die Möglichkeit, die verschiedenen Schlagzahlen von Gymnasium und Stadtteilschule kennenzulernen und sich an ihnen zu beweisen.
Anders als heute, wo die Kinder mit Beginn von Klasse 5 nach den Jahren der eher behütenden Grundschulpädagogik mit einem Schlag ins kalte Wasser geworfen werden, haben sie über Jahre Erfahrung mit dem neuen System sammeln können - zumindest in den Fächern, in denen sie gut waren.
Darüber hinaus erlaubt auch die Stadtteilschule, das Abitur zu erreichen. Mit der Entscheidung für sie wird also keineswegs eine Weiche ins Negative gestellt (***).
Die Entscheidung für das Gymnasium muss also von den Eltern nicht mehr unter dem Gesichtspunkt gefällt werden "Welche Schule gibt meinem Kind noch eine Chance?". Sie lautet vielmehr: "Hat mein Kind Freude an der verschärften Schlagart des Gymnasiums?".
Im Ergebnis kommen vermutlich weniger Kinder am Ende von Klasse 6 auf die Gymnasien als früher nach Klasse 4. Aber diese Kinder werden durch die Bank "gymnasial" sein, die Abschulungen werden also entfallen (****).
Dadurch wird für die LehrerInnen der "Richter"-Teil ihres Berufes wegfallen. Sie werden sich voll auf die Förderung der SchülerInnen konzentrieren können, auf die Suche nach ihren Stärken und Talenten.
Also: auf die Gymnasien kommen entspannte und spannende Zeiten zu. Sie werden endlich in der Lage sein, ihre Schüler angemessen zu fördern.
Die Steigerung der Abiturientenzahlen bei gleichzeitiger Steigerung des Niveaus ist so erreichbar.
von Robert Schneider
(*) Diesen Vergleich gab uns vor einiger Zeit der Benutzer
"AndPra", ein Lehrer am Christianeum, auf dem L-Tern Forum mit. Ich gehe davon aus, dass die LehrerInnen an diesem "Richter-Job" eigentlich keine Freude haben. Andererseits sehen sie ihren
Lehrplan und müssen natürlich darauf achten, dass sie nur SchülerInnen in ihren Klassen haben, die diesem Anspruch auch gewachsen sind.
(**) WWL zitiert zwar einen bayerischen Professor, der versucht, mit einem Sammelsurium von Studien-Auszügen das Gegenteil zu zeigen. Bei genauerer Betrachtung hat das aber bestenfalls Stammtischqualität.
(***) Gelegentlich wird hier eingewendet, dass es ja auch heute möglich ist, das Abitur noch über den zweiten oder dritten Bildungsweg zu machen, wenn man mit 10 falsch einsortiert wurde. Wer so argumentiert übersieht zweierlei: a) der Weg ist bedeutend länger b) für viele ist er dann doch zu mühselig: auch wenn sie die geistigen Voraussetzungen mitbringen: parallel zu einem vollen Beruf noch sein Abitur zu machen, das überstrapaziert doch viele und führt zu einem Verlust von Talent für unsere Gesellschaft.
(****) Schon möglich, dass einzelne Eltern den Versuch trotzdem unternehmen werden. Durch den "Schulfrieden" ist das Tor "Elternwahlrecht" - und das damit verbundene Abschulungsrecht der Gymnasien - wieder geöffnet. Ich vermute aber, dass das nur sehr wenige sein werden, denn die Entscheidung "Stadtteilschule oder Gymnasium" wird ja mit wesentlich mehr Substanz gefällt werden, als bislang und hat bei weitem nicht mehr die verheerende Konsequenz, die sie bislang hatte.



