Zweifel und Fragen
Häufig gestellte Fragen zur Reform - Frequently asked Questions (FAQs)
- Lernen die guten Schülerinnen und Schüler nicht weniger, wenn sie mit schwächeren Schülerinnen und Schülern in einer Lerngruppe sind und diese sie aufhalten?
- Ist die Reform den Schulen wirklich von "oben aufgedrückt" worden?
- Hat nicht eine Studie gezeigt, dass in Berlin die Schülerinnen und Schüler in den Klassen 5. und 6. in den Gymnasien mehr lernen als in den Vergleichsklassen der sechsjährigen Grundschule?
- Hat sich die CDU von der GAL schulpolitisch über den Tisch ziehen lassen?
- Lernen die Schülerinnen und Schüler im "klassischen" Unterricht, in dem die Lehrkraft ihr Wissen gut aufbereitet weiter gibt, nicht mehr, als wenn sie sich bei diesem "modernen Unterrichts" alles selber erarbeiten müssen?
- Wieso soll das Elternwahlrecht "abgeschafft" werden?
- Wie soll man denn bloß das Chaos bei der Einführung der Primarschule in den Griff bekommen?
- Ist das Abitur an der Stadtteilschule nicht ein Abitur "zweiter Klasse"?
- Stimmt es, dass SchülerInnen und LehrerInnen pendeln?
- Wieso beschränkt man die Reform nicht auf die Schulen, in denen schwache SchülerInnen (so genannte Risiko-SchülerInnen) unterrichtet werden und "lässt die anderen Schulen in Ruhe"?
- Wie lange lernen Schülerinnen und Schüler in anderen Ländern gemeinsam?
- Ist diese Schulreform wie die anderen nur ein verkapptes Sparpaket?
- Wie passen die "Behinderten" in das Konzept der Schulreform?
- Wird es auf den Primarschulen Zensuren geben?
- Was wird aus den speziellen Angeboten der Gymnasien in Klasse 5 und 6?
- Wird der Umzug in ein anderes Bundesland erschwert, wenn Hamburg eine 6-jährige Primarschule hat?
- Was soll aus der Schule meines Kindes werden?
- Was ist eigentlich so falsch, an einer freiwilligen Einführung der Primarschule?
1. Lernen die guten Schülerinnen und Schüler nicht weniger, wenn sie mit schwächeren Schülerinnen und Schülern in einer Lerngruppe sind und diese sie aufhalten?
Nein, wenn der Unterricht gut gemacht ist. Er muss den Schülerinnen und Schüler differenziertes Material und verschiedene Methoden anbieten, so dass diese je nach ihrer Leistungsfähigkeit, ihrer Motivation und ihrem Interesse differenziert gefördert werden in dem sie sich Themen mit unterschiedlichem Tempo, Tiefe und Schwerpunkt erschließen. In vielen Hamburger Klassenzimmer aller Schulformen ist diese Form des Unterrichts bereits erfolgreiche Praxis.
Studien zeigen, dass die Leistungsstarken in unterschiedlichsten Lernsetting (also auch Lerngruppen) vergleichbar viel lernen, das heißt, sie sind in ihrer Wissbegierde und ihrem Lernwillen so autonom, dass sie sich bei unterschiedlichsten Bedingungen zurecht finden.
In gemischten Lerngruppen können die leistungsstarken Schülerinnen und Schüler sogar noch mehr in der Breite gefördert werden, z.B. in dem sie lernen Anderen Dinge zu erklären (was die eigenen Kompetenzen nochmals festigt), einander zu helfen, Rücksicht zu nehmen und neue soziale Erfahrungen durch andere Mitschülerinnen und -schüler zu machen.
Nebenbei: Dass in den heutigen Gymnasien die Lerngruppen homogen sind, ist ein Mythos, der mit der Schulpraxis wenig zu tun hat.
2. Ist die Schulreform den Schulen wirklich von "oben aufgedrückt" worden?
Ja und nein.
Ja, weil die Schulreform mit ihren Eckdaten eine politische Entscheidung des schwarz-grünen Senats ist.
Nein, weil die Schulen, Eltern, Schülerinnen und Schüler und andere Akteure des Bildungswesens in einem beispiellosen Prozess an der Ausarbeitung der Standortentscheidungen auf Regionalen Schulentwicklungskonferenzen (RSK) beteiligt wurden. Die Schulbehörde ist den RSK-Vorschlägen in der überwältigen Mehrheit der Empfehlungen gefolgt und hat so die Fachkompetenz vor Ort genutzt. Eine weitere Beteiligung der "Basis" an der pädagogischen Gestaltung der Bildungsregionen ist geplant.
3. Hat nicht eine Studie gezeigt, dass in Berlin die Schülerinnen und Schüler in den Klassen 5. und 6. in den Gymnasien mehr lernen als in den Vergleichsklassen der sechsjährigen Grundschule?
Stopp mit dieser Behauptung! Sie ist ein Paradebeispiel für Winston Churchills legendären Ausspruch, er glaube nur den Statistiken, die er selbst gefälscht habe. - Also hier die Fakten:
1. Ja, Rainer Lehmann hat in seiner Element-Studie die 7 Prozent handverlesenen Berliner Gymnasiasten mit den 93 Prozent gleichaltriger Schülerinnen und Schüler der 5. und 6. Klassen in der sechsjährigen Grundschule verglichen. Sein Ergebnis: Die Gymnasiasten haben einen höheren Lernzuwachs. Das führt zu heftigen Diskussionen in der Schulforschungs-Szene und wird auch von den Gegnern der Hamburger Schulreform gerne angeführt.
2. Aber, Lehmann hat dabei den sozialen Faktor nicht berücksichtigt, also sozusagen Äpfel mit Birnen verglichen, weil die untersuchten Berliner Gymnasiasten sozial wesentlich besser gestellt sind, als ihre Altersgenossen an den Berliner Grundschulen.
3. Jürgen Baumert und sein Team haben deshalb die Lehmann-Daten noch einmal neu ausgewertet. Dabei haben sie die Gymnasiasten nur mit Grundschüler/innen verglichen, die einen vergleichbaren sozialen Hintergrund haben, also den sozialen Faktor raus gerechnet. Ergebnis: Es gibt keine Unterschiede in der Lernentwicklung. Die 10 bis 12 jährigen Schülerinnen und Schüler/innen aus "gutem Hause" lernen in Berlin also am Gymnasium genauso viel wie in der Grundschule!
4. Man könnte dieses leichtfertig als Argument für die Primarschule verwenden, doch ist auch hier Vorsicht geboten! Hamburg führt keine sechsjährige Grundschule nach Berliner Vorbild ein, sondern konzipiert etwas völlig Neues.
5. Eins wird jedoch dennoch deutlich: Auch wenn eine kleine "Elite" nicht am längeren gemeinsamen Lernen teilnimmt, sondern für sich und exklusiv in einem eigenen System lernt, gibt es keinen empirischen Belege dafür, dass sich diese Schülerinnen und Schüler leistungsmäßig besser entwickeln.
6. Umgekehrt belegen aber Studien, dass leistungsschwache Schülerinnen und Schüler deutlich mehr lernen, wenn sie nicht unter sich bleiben, sondern auch mit Leistungsstarken zusammen lernen.
Fazit: Letztendlich sprechen die Berliner Ergebnisse damit eher für die Hamburger Reform; als Beleg für die frühe Selektion taugen sie auf jeden Fall nicht...
Lesetipp: Jürgen Baumert, der auch PISA 2000 gemacht hat, gab im Mai 2009 Spiegel Online ein sehr lesenswertes Interview zu diesem Thema mit dem Titel "Leistungsstarke Kinder setzten sich überall durch" .
4. Hat sich die CDU von der GAL schulpolitisch über den Tisch ziehen lassen?
Nein, die Reform ist das Ergebnis eines Aufeinanderzugehens. Dabei haben beide Seiten Zugeständnisse gemacht und gleichzeitig eigene Forderungen durchgesetzt.
Die GAL war beispielsweise für neun Jahre gemeinsames Lernen in einem eingliedrigen Schulsystem, wie es in vielen erfolgreichen Industrienationen (z.B. Finnland) üblich ist.
Die CDU war für die Zweigliedrigkeit mit Gymnasium und Stadtteilschule ab der 5. Klasse.
Die sechsjährige Primarschule mit einer anschließenden Zweigliedrigkeit ist in diesem Sinne ein Treffen in der Mitte.
Ähnliches lässt sich zu vielen weiteren Punkten der Reform sagen.
5. Lernen die Schülerinnen und Schüler im "klassischen" Unterricht, in dem die Lehrkraft ihr Wissen gut aufbereitet weiter gibt, nicht mehr, als wenn sie sich bei diesem "modernen Unterrichts" alles selber erarbeiten müssen?
Leistungsstudien zeigen, dass "durchschnittliche" und "leistungsstarke" Schülerinnen und Schüler im reinen lehrerzentrierten Unterricht nahezu genauso viel im kognitiven Sinne lernen können, wie in einem Unterricht, der zwischen lehrer- und schülerzentrierten Arbeitsphasen wechselt. Diese Erkenntnis entschärft den Glaubenskrieg über verschiedene Unterrichtsformen zunächst.
Eine abwechslungsreichere Unterrichtsgestaltung mit einem sinnvollen Wechsel von Unterrichtsformen und -methoden ist aber in einem anderen Sinnen der Monokultur überlegen: Abwechslung führt zu mehr Spaß beim Lernen ("Nicht schon wieder Gruppenarbeit/Tafeltheater/ etc. !" ); selbsterarbeitete Inhalte werden vom Gehirn besser im Langzeitgedächtnis verankert; die Selbstständigkeit und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten (Selbstwirksamkeit) der Schülerinnen und Schüler wird gefördert und die Teamfähigkeit gestärkt. Die Schülerinnen und Schüler werden damit wiederum "mehr in der Breite" gefördert.
Letztendlich gilt in Bezug auf die Methodik der Ausspruch des renommierten Schulpädagogen und Didaktikers Hilbert Meyer "Mischwald ist besser als Monokultur".
6. Wieso soll das Elternwahlrecht "abgeschafft" werden?
Natürlich macht es sich niemand leicht damit, Bürgerrechte einzuschränken. Die Gründe dafür sind deshalb auch entsprechend schwerwiegend. Wir möchten hier ausführlicher auf diese
Frage eingehen, weil sie wohl die am heißesten diskutierte der ganzen Reform ist.
In der Bildungsforschung ist es völliger Konsens, dass das Elternwahlrecht einer der zentralen Gründe für die hohe soziale Selektivität des deutschen Bildungssystems ist.
- Je höher der Bildungsgrad des Elternhauses ist, desto häufiger setzt sich diese über die Empfehlungen der Schule hinweg.
- Dabei sind auch schon die Empfehlungen der Schule in der jetzigen Form tendenziell sozialselektiv, was die Skepsis vieler Eltern erklärt und deren Abneigung gegen die Abschaffung des Elternwahlrechts zunächst verständlich macht: Schülerinnen und Schüler aus sozial benachteiligten Milieus müssen ihren Mitschülerinnen und Mitschülern mit einem sozial sehr privilegiertem Hintergrund in den Leistungen über ein Schuljahr voraus sein, um ebenfalls Gymnasialempfehlung von der Schule zu bekommen.
Diese beiden Effekte haben zur Folge, dass sich sowohl an den Gymnasien als auch den Haupt- und Realschulen eine sehr leistungsheterogene Schülerschaft in den Eingangsklassen findet (und bei den Gesamtschulen sowieso). Wichtiger Unterschied ist dabei aber die soziale Auslese, weil auch viele nicht gymnasialfähige Kinder aus „gutem Elternhaus" zunächst ans Gymnasium gehen.
Der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die es am Gymnasium nicht schaffen liegt häufig über einem Drittel eines Jahrgangs. Das ist den Schülerinnen und Schülern gegenüber
unverantwortlich, weil diese zukünftig immer gegen ein Selbstbild des „Losers" ankämpfen müssen, egal ob sie abgeschult werden, sitzen bleiben oder immer um die Versetzung kämpfen müssen.
Außerdem gefährdet diese „Überschwemmung" der Gymnasien mit Schülerinnen und Schülern das angestrebte Niveau dieser Schulform und führt quasi durch die Hintertür dazu, dass sich die
Gymnasien zunehmend zu einer zweiten Stadtteilschule entwickeln werden. Letztendlich wird die Beibehaltung des Elternwahlrechts zu einer fortwährenden Beschädigung des Gymnasiums in der Form
führen, wie es sich die Reformgegner eigentlich wünschen (nur die soziale Selektivität bliebe erhalten).
Die schwarz-grüne Schulreform bietet auf diese Problemlage eine Reihe guter Antworten.
- Auch die Stadtteilschule führt zum Abitur, das mit dem am Gymnasium gleichwertig ist. Wer es also nicht „an das Gymnasium schafft", dem steht zukünftig der Weg zum Abitur weiter offen.
- Die Auswahl trifft nicht mehr das Elternhaus.
- Das jetzige Verfahren der Schulformempfehlungen in den Grundschulen wird in den neuen Primarschulen grundlegend neu aufgesetzt. Zukünftig soll es nur noch auf die Leistungen der Schülerinnen und Schüler selbst ankommen und nicht mehr unbewusst auch auf deren Elternhaus. Dazu werden neue Diagnoseinstrumente in den Schulen eingeführt und Fortbildungen durchgeführt.
- Die Gymnasien werden ihren Unterricht weiter entwickeln und ein neues Fördersystem aufbauen (müssen), weil sie schwache Schülerinnen und Schüler in der Sek. I weder ein Jahr wiederholen lassen noch diese „abschulen" dürfen. Deshalb ist es aber auch wichtig, dass nur gymnasialfähige Schülerinnen und Schüler das Gymnasium besuchen dürfen.
Übrigens: In der Hälfte der deutschen Bundesländer gibt es kein Elternwahlrecht. Darunter sind auch die vier Bundesländer, die im letzten Pisa-Ländervergleich am Besten abgeschnitten haben.
Abschließend: Auch wenn das Elternwahlrecht nun in den Otto-Gesprächen wieder eingeführt wird, muss die diagnostische Kompetenz der Primarschulen deutlich gestärkt werden, damit Schule und Eltern gemeinsam besser entscheiden können.
7. Wie soll man denn bloß das Chaos bei der Einführung der Primarschule in den Griff bekommen?
Entgegen einem weitverbreitetem Irrtum wird die Primarschule keineswegs mit einem "Big Bang" eingeführt, sondern stufenweise. Die bisherige Planung besagt, dass es jetzt im Sommer
2010 mit den neuen Klassen 1, 4 und 7 losgeht, dann folgen sukzessive die anderen Klassenstufen. Dadurch bleibt Zeit für weitere Planungen, sowohl inhaltlich-konzeptionelle als auch
organisatorische. Es darf auch nicht vergessen werden, dass seit Sommer 2009 die Primarschulen unter Volldampf an ihren Konzepten und Inhalten arbeiten und bereits für die Anmelderunde 2010 ihre
Konzepte zumindest in groben Zügen präsentieren können. Zudem ist durch die Vereinbarung mit dem Gesamtpersonalrat zur Entsendung von LehrerInnen weiterführender Schulen an die zukünftigen
Primarschulen ein großer Schritt zur Vermeidung des gefürchteten Chaos getan. Natürlich wird es hier oder ein bisschen holpern, aber nach Aussagen verschiedener LehrerInnen lässt sich
abschließend sagen, dass diese Reform wesentlich besser vorbereitet wird, als dies bei der G8-Reform der Fall war.
8. Ist das Abitur an der Stadtteilschule nicht ein Abitur "zweiter Klasse"?
In Hamburg gibt es seit einigen Jahren das so genannte Zentral-Abitur. Dies bedeutet, dass jede Schülerin und jeder Schüler in Hamburg die identische Prüfung ablegt. Rein inhaltlich ist also jedes Abitur gleich viel wert. Dennoch halten es manche Leute für "zweitklassig", dass man an der Stadtteilschule ein Jahr mehr Zeit hat, um bis zum Abitur zu kommen. Sie verkennen allerdings völlig die Vorteile, die dies bietet: Zum einen bekommen auch Kinder, die sich etwas später entwickeln als die anderen, eine faire Chance, denn dümmer sind auch sie nicht, und zum anderen bleibt bei dieser Schulform auch die Zeit, einmal rechts und links zu gucken. So lernen die Kinder an Stadtteilschulen vielleicht nicht mehr, aber vielfältiger, ein durchaus humanistischer Bildungsgedanke, der ihnen in der heutigen Zeit mit Sicherheit von Nutzen sein wird – non scholae sed vitae discimus.
Übrigens: In Niedersachsen gibt es seit der Einführung des G8 ein Wiedererwachen der Gesamtschulen, weil sich viele Eltern dafür entscheiden, ihrem Kind ein Jahr mehr zum Abitur Zeit zu geben.
Kurz: Gymnasien und Stadtteilschulen bieten zwei verschiedene Wege zum Abitur an, die beide sinnvoll sind. Das Abitur ist gleichwertig. Welchen Weg man attraktiver findet, können zukünftig alle Schülerinnen und Schüler mit Gymnasialempfehlung entscheiden.
9. Stimmt es, dass SchülerInnen und LehrerInnen pendeln sollen?
Es ist erklärtes Ziel, das SchülerInnen NICHT pendeln sollen. Es kann allerdings vorkommen, dass SchülerInnen eine Fremdsprache lernen wollen, die mangels ausreichender Nachfrage an ihrer Schule nicht unterrichtet werden kann. In diesem Fall würden sich mehrere Schulen zusammentun und diese Sprache anbieten, dann müssten allerdings einige SchülerInnen tatsächlich pendeln. Hier bemühen sich die Schulen aber um eine möglichst verträgliche Organisation dieser Ausnahmesituation.
Bei LehrerInnen wird es zum Pendeln kommen, da dadurch die Fachlichkeit schon in der 4. Klasse gewährleistet werden soll. Die Fachlichkeit ist ein Kernstück der Primarschule, und darin unterscheidet sie von anderen Modellen, wo lediglich die Grundschule auf 6 Jahre verlängert wurde. Für dieses wichtige Ziel wird ein Pendeln der LehrerInnen in Kauf genommen, aber auch in dieser Hinsicht suchen Primarschulen und weiterführende Schulen gemeinsam nach guten Lösungen, z.B. dass LehrerInnen ganze Tage in die Primarschulen gehen.
10. Wieso beschränkt man die Reform nicht auf die Schulen, in denen schwache SchülerInnen (so genannte Risiko-SchülerInnen) unterrichtet werden und "lässt die anderen Schulen in Ruhe"?
Zunächst: Es "kommt in den besten Familien vor", dass Kinder Lernschwierigkeiten haben oder dass es ihnen an sozialer Kompetenz mangelt, oder dass sie zu schüchtern sind, oder dass sie eigentlich lieber noch ein Jahr länger gespielt hätten oder, oder, oder. Sollen also diese Kinder, die das Pech haben, in der falschen Gegend in die Schule zu gehen, von der individuellen Förderung der zukünftigen Primarschulen ausgeschlossen bleiben? Denn darum geht es bei der Schulreform, um die individuelle Förderung jedes Kindes, egal wo es lebt. Heute erlebt man es Tag für Tag, mit welchen Schwierigkeiten Kinder aus allen Bevölkerungsschichten an den "normalen" Schulen kämpfen, und sie alle sollen ein Recht auf besseres Lernen haben.
Eine teilweise Einführung der Primarschule würde genau zu einem heillosen Schulchaos führen: Jede Schule macht, was sie will. Eine Zersplitterung der Bildungslandschaft Hamburg wäre die Folge, ein Umzug in einen anderen Stadtteil oder ein Schulwechsel aus welchen Gründen auch immer, würde plötzlich zum Problem. Es kann niemand ernsthaft wollen, dass es in Hamburg verschiedene Grundschulformen geben soll – nachdem man gerade erkannt hat, dass die Vielartigkeit der weiterführenden Schulen ein großes Problem darstellt.
11. Wie lange lernen Schülerinnen und Schüler in anderen Ländern gemeinsam?
Praktisch alle OECD-Länder (außer Deutschland, Österreich und einige Kantone der Schweiz) unterrichten Schülerinnen und Schüler länger gemeinsam, meist bis zur 9. Klasse. Sie vermeiden damit die Benachteiligung sozial schwächerer Schülerinnen und Schüler und fördern gleichzeitig die leistungsstärkeren – die Ergebnisse sind am schlechten Abschneiden Deutschlands bei internationalen Studien wie PISA zu sehen. Deutschland hat aufgrund der frühen Trennung das selektivste Bildungssystem.
12. Ist diese Schulreform wie die anderen nur ein verkapptes Sparpaket?
Nein, durch diese Schulreform soll kein Geld eingespart werden. Im Gegenteil stehen zusätzliche Mittel bereit, um die Maßnahmen durchzuführen.
13. Wie passen die "Behinderten" in das Konzept der Schulreform?
Der schülerorientierte Unterricht, der durch die Schulreform gefördert wird, fördert jedes Kind im Rahmen seiner Möglichkeiten. Das ermöglicht auch die Integration Behinderter in die Regelschulen, die auch von der UN gefordert ist und auf die Behinderte Kinder einen Rechtsanspruch haben. Auch dies ist ein Zeichen dafür, wie weit unser jetziges Schulsystem hinter dem internationalen Standard zurückgeblieben ist.
14. Wird es auf den Primarschulen Zensuren geben?
Zensuren sind eine sehr alte Art, den Leistungsstand von Kindern zu dokumentieren. Vor allem jüngere Schülerinnen und Schüler die keine "Überflieger" sind, werden dadurch oft eher frustriert und entwickeln teilweise Schulängste. Es hat sich herausgestellt, dass modernere Methoden den Schülerinnen und Schülern viel besser helfen, sich selbst einzuschätzen und ihren schulischen Erfolg zu planen. Deshalb sollen im Rahmen der Schulreform regelmäßige Gespräche zwischen Schüler/innen, Eltern und Lehrern eingeführt werden, die einen besseren Einblick in die Entwicklung der Schüler/innen geben. Dabei wird vor allem auf ihren Lernfortschritt geguckt und weniger ein Vergleich zu den Mitschülerinnen und -schülern gezogen. Damit werden Zeugnisse in allen Schulformen weitgehend überflüssig.
15. Was wird aus den speziellen Angeboten der Gymnasien in Klasse 5 und 6?
Die Primarschulen werden, ebenso wie die weiterführenden Schulen bisher, in Klasse 5 und 6 Schwerpunkte bilden, die den Schülerinteressen entgegenkommen sollen. Generell gilt aber, dass die Interessen der einzelnen Schüler viel stärker im normalen Unterricht berücksichtigt werden sollen. Durch moderne Lernmethoden können so die bestehenden Schwerpunkte auch in den Primarschulen angeboten werden.
16. Wird der Umzug in ein anderes Bundesland erschwert, wenn Hamburg eine 6-jährige Primarschule hat?
Das föderale Bildungssystem in Deutschland ist geschaffen worden, um eine Gleichschaltung zu verhindern. Daraus ergeben sich Unterschiede, die bei einem Umzug Anpassungen erfordern. Dies ist auch heute schon so. Im Einzelfall hängt es wesentlich von der Schule, den Lehrern und den Schülern ab, wie einfach sich ein Umzug gestaltet. Die 6-jährige Primarschule wird daran nur wenig ändern.
17. Was soll aus der Schule meines Kindes werden?
Die Planungen der Schulbehörde sind in dem Schulentwicklungsplan 2010-2017 veröffentlicht.
Die Behörde ist bei den Entscheidungen über Standorte, Schulformen und Fusionen in der überwiegenden Zahl der Fälle den Empfehlungen der regionalen Schulentwicklungskonferenzen gefolgt.
18. Was ist eigentlich so falsch, an einer freiwilligen Einführung der Primarschule?
Salopp gesagt: Nahezu alles!
1. Eine freiwillige Einführung würde den Flickenteppich verschiedenster Schulformen und Sondermodelle noch mal um Einiges verkomplizieren. Man braucht ja heute schon ein gefühltes Semester um Außenstehenden das Deutsche / das Hamburger Bildungssystem zu erklären.
Mit der Freiwilligkeit wäre das Chaos perfekt!
2. Jede Ausnahme schafft Schlupflöcher, deshalb verzichtet die Schulreform bislang (mit einer einzigen Ausnahme) auf jegliche Sondermodelle, so dass alle Langformschulen in eine Primarschule und ein Gymnasium/eine Stadtteilschule aufgehen werden. Die Primarschule kann nur funktionieren, wenn wirklich alle Schülerinnen und Schüler eines Jahrgangs hier gemeinsam bis zu 6. Klasse lernen! Schon jetzt zeigt die aktuelle politische Diskussion über ein Aufweichen der Reform an den Starterschulen ihre fatale Wirkung: Vor allem bildungsorientierte Eltern erwägen ihr Kind nun doch ab der 5. Klasse an eine weiterführende Schule zu senden. Damit ist die soziale Selektion wieder perfekt, der Chancen des längeren gemeinsamen Lernens für Leistungsstarke wie Leistungsschwache verschenkt.
3. Wer den Schulen die Entscheidung überlässt, verlagert den Konflikt an jede der über 300 allgemeinbildenden Schulen in Hamburg. Egal ob Eltern, Lehrkräfte oder Schüler/innen - die Auseinandersetzung über das Für und Wider zur Reform könnte die Schulen innerlich zerreißen. Die Diskussion über die Einführung einer Ganztagsschule, die an vielen Schulen sehr kontrovers geführt wird, mag hier nur einen Vorgeschmack geben, wie heiß es zukünftig an den Schulen hergehen könnte. Wer Freiwilligkeit will, hat bestimmt vieles im Hinterkopf, aber sicherlich nicht das Beste für die Schulen und die Schüler/innen im Sinne von "Schulfrieden".
Fazit: Aus Verantwortung für die Schülerinnen und Schüler aber auch gegenüber den Schulen kann es nur heißen: Ganz oder gar nicht! Freiwilligkeit würde die Qualität der Hamburger Schulen nicht erhöhen, sondern das ganze Bildungssystem in das Chaos stürzen. Sie wäre vermutlich die schlechteste aller denkbaren Lösungen.



