Das längere gemeinsame Lernen
Warum längeres gemeinsames Lernen unbedingt notwendig ist:
- In vier Grundschuljahren ist die Aufgabe der Grundschule, die Begabungen des Kindes zu erkennen, zu fördern und Entscheidungen über den weiteren Bildungsweg zu treffen, nicht einlösbar, da das eigentliche Potential in so einem frühen Alter noch nicht voll entwickelt ist
- Vier Grundschuljahre reichten nicht aus, um einen weiteren Auftrag der Grundschule einzulösen: Die Grundschule - zukünftig Primarschule - soll allen Kindern eine grundlegende Bildung ermöglichen und ihnen damit eine tragfähige Grundlage für weiteres Lernen vermitteln. Das liegt unter anderem daran, dass die Grundschule das "Kellerkind" des deutschen Bildungssystems ist und die wenigsten Unterrichtsstunden im gesamten Schulsystem hat.
- Die vierjährige Grundschule mit der abschließenden Selektion hebelt die Forderung nach Integration aller Kinder und die Förderung aller Kinder vollständig aus. Die Kinder werden systematisch ihrer Sozialkompetenz beraubt, da es ganz frühzeitig um Selektion geht.
- Die Sozialkompetenz eines Kindes ist ein Entwicklungsprozess, der über viele Jahre geht. Beobachten wir die Unbeschwertheit, wie Kinder in der Grundschule miteinander umgehen. Mit einer Trennung ab Klasse 5, wird dieser Entwicklungsprozess gestoppt und eine Selektion findet statt. Durch längeres gemeinsames Lernen fördern wir den Entwicklungsprozess der Sozialkompetenz, was zusätzlich noch den Prozess der verbesserten Teamfähigkeit (eine wesentliche Eigenschaft die im Berufsleben erforderlich ist) bei den Kindern fördert.
Die Entscheidung über den weiteren Bildungsweg wird nach sechs Schuljahren sehr viel verlässlicher getroffen werden, weil in der sechsten Klasse die individuellen Fähigkeiten eines Kindes viel ausgeprägter sind. Dadurch werden "Fehlselektionen" reduziert und es muss nicht zu unnötigen Abschulungen kommen. Längeres gemeinsames Lernen ist kein Garant für eine bessere Leistung - dieses muss durch den Unterricht selber erwirkt werden -, aber es ist ein Garant für sozial kompetentere Kinder und mehr Chancengerechtigkeit.
Längeres gemeinsames Lernen schafft bessere Entwicklungsmöglichkeiten
Gestützt wird diese Aussage durch die ELEMENT-Studie1, insbesondere aber durch die Re-Analyse dieser Studie durch Jürgen Baumert.2 Beide Untersuchungen vergleichen Lernstände und Lernentwicklungen von Schülerinnen und Schülern in den Klassen 5 und 6 in Berlin, die entweder die sechsjährige Grundschule oder das mit Klasse 5 einsetzende grundständige Gymnasium besuchen.
Ergebnis: Obwohl die Grundschulen im Durchschnitt eine deutlich leistungsschwächere und gemischte Schülerschaft haben, ist der durchschnittliche Lernzuwachs zwischen dem Ende der 4. Klasse und dem Ende der 6. Klasse ähnlich hoch wie der Lernzuwachs an den Gymnasien, deren Schülerschaft nach Leistung ausgewählt und daher besonders leistungsstark ist. Mit Blick auf das Leseverständnis zeigt sich sogar, dass der Lernzuwachs in der Grundschule den am Gymnasium übertrifft. Bei der Mathematikleistung liegt das Gymnasium vorne.
Es ist eindeutig belegt, dass die Grundschule Schülerinnen und Schülern mit einer schlechten Lernausgangslage hohe Lernzuwächse ermöglicht. Aber auch Schülerinnen und Schüler im oberen Leistungsspektrum werden an Grundschulen sehr gut gefördert. Insbesondere konnte die Re-Analyse zeigen, dass leistungsstarke Schülerinnen und Schüler, die in der Grundschule verbleiben und ähnliche Merkmale der sozialen Herkunft aufweisen wie diejenigen, die in Klasse 5 in ein Gymnasium wechseln, sich im Lesen und in Mathematik völlig parallel zu den Gymnasiasten entwickeln. Demnach gilt, so Baumert: „In keinem Leistungsbereich sind Förderwirkungen des grundständigen Gymnasiums nachzuweisen.“3
Zum Hintergrund: Die sechsjährige Grundschule besuchen in Berlin in den Klassen 5 und 6 etwa 93% der Kinder eines Altersjahrgangs. Die restlichen 7% gehen auf die insgesamt 31 grundständigen Gymnasien. Dabei handelt es sich um eine Minderheit von leistungsstarken Schülerinnen und Schülern aus besonders bildungsorientierten Elternhäusern. Deutliches Merkmal der Selektivität: Vor dem Wechsel auf das grundständige Gymnasien, am Ende der 4. Klasse, sind diese Kinder in Lesen und Mathematik dem Durchschnitt aller Kinder, die weiter die Grundschule besuchen, um über zwei Jahre in ihrer Lernentwicklung voraus.
Fazit: Die sechsjährige Grundschule in Berlin erbringt eine respektable Förderung im unteren Leistungsbereich und gleichzeitig gelingt ihr eine Förderung im oberen Leistungsbereich, die von den hochselektiven grundständigen Gymnasien nicht übertroffen wird. Hinzu kommen an den Grundschulen Effekte des sozialen und demokratischen Lernens, die nur in gemischten Lerngruppen entstehen.
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1 Lehmann, R./Lenkeit, J. (2008): ELEMENT. Erhebung zum Lese- und Mathematikverständnis. Entwicklungen in den Jahrgangsstufen 4 bis 6 in Berlin. Abschlussbericht über die Untersuchungen 2003, 2004 und 2005 an Berliner Grundschulen und Gymnasien. Berlin: Humboldt-Universität
2 Baumert, J./Becker, M./Neumann, M./Nikolova, R. (2009): Frühübergang in ein grundständiges Gymnasium – Übergang in ein privilegiertes Entwicklungsmilieu? Ein Vergleich von Regressionsanalyse und Propensity Score Matching. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 12. Jg., Heft 2
3 Baumert, J./Becker, M./Neumann, M./Nikolova, R. (2009), S. 29.
Weiterführende Litaeratur zu längerem gemeinsamen Lernen:
Viele Studien und Aufsätze:
Heyer, Peter; Sack, Lothar; Preuss-Lausitz, Ulf (Hrsg.), Länger gemeinsam lernen. Position – Forschungsergebnisse – Beispiele. Frankfurt am Main 2003.



