Fallbeispiele
Was ist besser für unsere Kinder – die Primarschule oder das jetzige Schulsystem?
Dazu drei Beispiele aus der Arbeit des Hamburger Erziehungsberaters und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten Hannes Classen.
Beispiel 1:
Die 9jährige Nicole[1] besucht die 4. Grundschulklasse. Sie fällt auf durch Unruhe und häufiges Stören. Sie hat erhebliche Probleme, sich auf den Unterricht zu konzentrieren. Die Schule veranlasst einen Intelligenztest. Aufgrund des sehr niedrigen Ergebnisses wird den Eltern empfohlen, Nicole auf die Förderschule umzuschulen.
Die Eltern weigern sich, der Empfehlung nachzukommen. Stattdessen melden sie Nicole für die 5. Klasse der Haupt- und Realschule an. Zugleich stellen sie Nicole bei einer Kinder- und Jugendpsychiaterin vor, wo Nicole therapeutisch behandelt wird.
Zwei Jahre später, am Ende der 6. Klasse, haben sich die Schulleistungen von Nicole derart verbessert, dass die Haupt- und Realschule eine Gymnasialempfehlung für sie ausspricht.
Das Beispiel zeigt, wie problematisch Prognosen über die Entwicklungsmöglichkeiten von 10jährigen Kindern sind. Die sechsjährige Primarschule hätte Nicole und ihren Eltern eine Menge Angst und Stress erspart.
Beispiel 2:
Die Mutter des 11jährigen Dennis ruft in der Erziehungsberatungsstelle an. Dennis besucht die 6. Klasse der Haupt- und Realschule. Im Streit hat er einen Klassenkameraden heftig gewürgt. Ein paar Wochen vorher gab es bereits einen ähnlichen Vorfall. Bei der Beratung erzählt Dennis, wie er immer wieder von Mitschülern gepiesackt wird und dann leicht die Nerven verliert. Wir vereinbaren ein Gespräch zwischen Dennis, seiner Mutter, seinem Lehrer und mir. Der Lehrer berichtet nun, dass die Atmosphäre in seiner Klasse allgemein sehr gereizt sei. Von den 25 Schülern hätten sich 7 völlig aufgegeben, sie blockierten alles, es sei ihnen völlig egal, wenn sie nur noch 5en und 6en bekämen. Ein Unterricht sei in dieser Klasse praktisch nicht mehr möglich. In den Parallelklassen sei es nicht viel besser.
Mit Unterstützung des Lehrers, der Eltern und der Beratungsstelle gelang es Dennis, die Kontrolle über seine Impulse zu gewinnen, so dass es zu keinen weiteren Ausrastern kam. Ein beachtlicher persönlicher Erfolg! Keine Lösung gab es hingegen für die Schulklasse und für ein Schulsystem der Auslese, das Aggressionen und Gewalt fast zwangsläufig mit sich bringt.
Beispiel 3:
Der 12jährige Nils besucht die 6. Klasse des Gymnasiums. Seine Leistungen sind schwach, Nils hat erhebliche Probleme, sich zu konzentrieren. Das Gymnasium empfiehlt einen Wechsel zur Gesamtschule oder zur Haupt- und Realschule. In den Beratungsgesprächen mit Nils, seiner Mutter und dem Lehrer besprechen wir die schulische und die familiäre Situation. Nils Eltern hatten sich vor einem Jahr getrennt, nun hat der Vater den Kontakt zu seinem Sohn ganz abgebrochen. Nils möchte unter allen Umständen auf seiner Schule und in seiner Klasse bleiben – seine Schulfreunde sind in dieser Situation ein unverzichtbarer Halt für ihn. Die Vorstellung, die Schule verlassen zu müssen, macht ihm enorme Angst.
Das Beispiel steht für unzählige andere, wo gerade Kinder mit familiären Belastungen und Krisen Gefahr laufen, ihren Klassenverband, der ihnen wichtigen seelischen Halt gibt, zu verlieren. Das geplante neue Schulsystem aus Primarschule, Stadtteilschule und Gymnasium verbessert die Möglichkeiten deutlich, Kinder in Krisensituationen aufzufangen.



